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О собрании

Открытие: 20.05.2010

Обновление: 02.10.2016

Innokentij Annenskij
Wolkenrauch

Gedichte

Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Martina Jakobson

Мягкий переплёт, 160 стр., тираж ? экз. Цена (издат.): 19.90 ?
Edition Rugerup, http://www.rugerup.de/paymate/Wolkenrauch_AID2434.html
ISBN: 978-91-89034-28-0
На обороте обложки -- автограф стихотворения "Среди миров"
Подарена собранию автором переводов. Спасибо.

 

 
Сборник переводов лирики Анненского приурочен к 100-летию выхода "Кипарисового ларца" (6 апреля).

Об авторе:

Martina Jakobson (geb. Mrochen) lebt und arbeitet als freiberufliche Literaturubersetzerin und Herausgeberin aus dem Russischen und Belarussischen in Berlin. Sie studierte Slawistik und Romanistik in Berlin, Moskau und Paris. Lehrtatigkeit in Frankreich und im deutsch-polnischen Grenzgebiet. Assistentin am Lehrstuhl fur Romanistik an der Universitat Potsdam, 1998-2000. Projektassistenz und Ubersetzung fur die Herausgabe von Briefen Alexander von Humboldts an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, 2000-2005. Projektassistenz fur die Neue Gesellschaft fur Literatur und die Deutsch-Russische Autorenwerkstatt, 2002. Seit 1998 widmet sie sich besonders der Ubersetzung von Lyrik, wobei ein Schwerpunkt ihrer Arbeit auf der Verbindung von Poesie und Musik liegt. Dazu gehort die Ubersetzung von Libretti zeitgenossischer Kompositionen ebenso wie Poetry Slam und Pop. Vortrage u. a. an der Deutschen Oper am Rhein, Dusseldorf-Duisburg, Universitat Siegen.
Ubersetzungen: Alexander Brener Die Internationale der nichtlenkbaren Torpedos, 1999; Lyrikanthologie junger russischer Autoren, 2003; Marina Tarkowskaja: Splitter des Spiegels. Die Familie des Andrei Tarkowski, 2003; Nikolai Kononow: Geschichte in Landschaften, 2004. Nachdichtungen fur Kompositionen von Lera Auerbach (u.a. Russisches Requiem, 2007) sowie nach Texten von Nikolai Kononow; Frontlinie - 2. Deutsch-Belarussische Anthologie. Hrsg. Zmicier Visniou/ Martina Mrochen, 2007.
Herausgeberin und Ubersetzerin der Dichtung Arseni Tarkowskis Das Leuchten der Worte (erscheint Ende 2009).

Оборот лицевой стороны обложки:

Innokentij Annenskij (1855-1909), Dichter, Literaturkritiker und Übersetzer, stand 'zwischen den Welten', wie ein Gedicht von ihm heißt. Sein Komet verglühte viel zu früh am Horizont des ausgehenden Symbolismus im Rußland der Jahrhundertwende. Diese zweisprachige Ausgabe, die eine Auswahl aus dem Gesamtschaffen trifft, legt ihren Schwerpunkt auf den wegweisenden Gedichtband Das Zypressenkästchen, der 1910 posthum erschien. Dieser fand Resonanz bei Alexander Blök, Anna -" : Achmatowa, Nikolaj Gumiljow, Boris Pasternak oder auch in der Gegenwart bei Gennadij Ajgi und Nikolaj Kononow. Die darin enthaltenen, bisher unübersetzten 'Dreiblätter' laden zur Entdeckung eines Dichters ein, dessen außergewöhnliches Werk in die Weltpoesie eingegangen ist.

Inhalt

из книги Тихие песни

Листы
Август


9
11
aus: STILLE LIEDER

Blattwerk
August
Хризантема
Электрический свет в аллее
Ноябрь
Ветер
Параллели
1. Под грозные речи небес
2. Золотя заката розы
11
13
15
17

19
19
1. Chrysantheme
2. Elektrisches Licht in der Allee
November
Wind
Parallelen
1. Ins finstere Gespräch  der Wolken
2. Abendrot goldene Rosen


из книги Кипарисовый ларец

Трилистники
Трилистник огненный
Аметисты
Сизый закат
Январская сказка
Трилистник ледяной
Ледяная тюрьма
Снег
Дочь Иаира
Трилистник бумажный
Спутнице
Неживая
Офорт
Трилистник одиночества
Лишь тому, чей покой таим
Аромат лилеи мне тяжел
Дальние руки
Трилистник замирания
Я люблю
Закатный звон в поле
Осень
Трилистник соблазна
Маки
Маки в полдень
В марте
Складни
Складень романтический
Небо звездами в тумане
Два паруса лодки одной
Разметанные листы
Стансы ночи
Тоска медленных капель
Тринадцать строк
Весенний романс
Среди миров
Миражи
Гармония
Второй мучительный сонет
Прерывистые строки

Стихотв., не вошедшие в авторские сборники

Колокольчики
Я думал, что сердце...
Аметисты
Только мыслей...
Осенняя эмаль
Сверкание
Последние сирени
Кэк-уок на цимбалах
Музыка отдаленной шарманки
Еще лилии
Черное море
Тоска синевы
Дымные тучи
Тоска сада
Миг
Майская гроза
Зимнее небо






23
25
27

29
31
33

37
39
43

45
47
49

53
55
57

59
61
63


65
67

69
71
73
75
77
79
81
83
85



91
97
99
101
103
105
107
109
113
115
117
119
121
123
125
127
131

133
136
139
141-154

aus: DAS ZYPRESSEN-
STCHEN

Dreiblätter
Dreiblatt, feuerglühend
Amethyst
Blaugraues Abendrot
Jännermärchen
Dreiblatt des Eises
Eisgefängnis
Schnee
Jaïrus' Tochter
Dreiblatt des Papiers
Für eine Begleiterin
Nicht mehr Lebendiges
Kupferstich
Dreiblatt der Einsamkeit
Wer in der Stille einsam ist
Der Duft der Lilie ist mir zuwider
Die fernen Hände
Dreiblatt des Verhallens
Ich Hebe
Abendglocken verhallen feldwärts
Herbst
Dreiblatt der Verführung
Mohn
Mohn am Mittag
Im März
Zweiblätter
Romantisches Diptychon
Die Sterne am Himmel, nebelgetüncht...
Zwei Segel eines Schiffes
Verstreute Blätter
Nächtliche Stanzen
Schwermut der langsamen Tropfen
Dreizehn Zeilen
Frühjahrsromanze
Zwischen den Welten
Imaginäres
Harmonie
Zweites quälendes Sonett
Redefetzen

Zu Lebzeiten unver-offentlichte Gedichte

Glöckchen klingen
Ich dachte, das Herz...
Amethyst
Allein mit Gedanken...
Herbstliche Glasur
Glitzern
Später Flieder
Kek-uok auf der Zither
Musik einer fernen Drehorgel
Lilien, noch einmal
Schwarzes Meer
Schwermut der Bläue
Wolkenrauch
Schwermut des Gartens
Flüchtiges
Gewitter im Mai
Der Himmel im Winter

Anmerkungen
Zeittafel
Ausgaben
Nachwort

Nachwort

Martina Jakobson
'...lichtdurchflutet: der Augenblick'

Innokentij Annenskijs Lyrik beschreibt das Flüchtige, das Auftauchen von Dingen und ihr Verschwinden: das Flackern eines Sterns, die Lichttupfer im Park und den Wolkenrauch über den Bergen. Sie ist Mysterium und Melancholie. Die exzentrischen Metaphern und der Gegensatz von eisiger Gedankenklarheit und tiefer Schwermut riefen bei Veröffentlichung des ersten Gedichtbandes 'Stille Lieder' (1904) ganz verschiedene Reaktionen hervor. Das Buch erschien unter dem Pseudonym Nik. T-o1. Es enthielt auch Gedichte der französischen Symbolisten und Poètes maudits - namentlich von Baudelaire, Leconte de Lisle, Mallarmé, Rimbaud und Verlaine, die Annenskij ausgewählt und ins Russische über-tragen hatte.

Walerij Brjussow, russischer Symbolist und Literal mit großiem Einfluß, äußerte sich zurückhaltend, lobte indessen die Musikalität der Verse, die von 'großer Bildhaftigkeit sind, das Banale scheuen, einen kraftvollen und neuen Eindruck hinterlassen'2. Alexander Blok, Wortführer des Symbolismus und Lyriker, gestand trotz einiger kritischer Randbemerkungen in seiner Rezension von 1906 ein, daß 'gleich einer Begegnung mit einem Unbekannten sein Interesse gänzlich unerwartet geweckt'3 worden sei. Er sei auf wahrhaftig Ungewöhnliches und auf neuartige Metaphern gestoßen.

Annenskijs erste Veröffentlichung erschien, als er achtundvierzig Jahre alt war. Trotz seines ersten Erfolgs blieb er den literarischen Kreisen fern, die vornehmlich von den Auseinandersetzungen der Symbolisten geprägt waren. Er ging seinem Beruf als Pädagoge nach, wurde zum Direktor des kaiserlichen Gymnasiums in Zarskoje Selo berufen und reiste später als Kreisinspektor des Petersburger Schulkreises durch Rußland. Nebenher widmete er sich seinem literarischen Werk. In den 1880er Jahren gab er eine Reihe literaturkritischer Aufsätze über Gogol, Dostojewskij, Turgenjew oder auch Lew Tolstoi heraus, die 1906 als 'Das Buch der Spiegelungen' und 1909 als 'Das zweite Buch der Spiegelungen' erschienen. Unterdessen trat er vornehmlich als Übersetzer hervor und erhielt große Anerkennung für seine kommentierte Edition der Tragödien des Euripides.

Gegen Ende seines Lebens erweiterte sich Annenskijs Bekanntenkreis in der literarischen Welt. Diesem gehörten Literaten wie Wjatscheslaw Iwanow, Michail Kusmin oder Maximilian Woloschin an. So kam er, als er 1909 die Zusammenstellung und Veröffentlichung seines poetischen Hauptwerkes 'Das Zypressenkästchen' vorantrieb, mit Sergej Makowskij, dem Herausgeber der Kunst- und Literaturzeitschrift 'Apollon', ins Gespräch. Dieser beabsichtigte, die Zeitschrift zu einer Institution zu machen, und wollte Annenskij, den er für seine Sprachkenntnisse als Altphilologe und für seine hohe Bildung schätzte, unbedingt als Mitarbeiter gewinnen. Im Mai 1909 entwarfen Annenskij und Makowskij das Programm der Zeitschrift. Darin proklamierten sie eine Ästhetik des Apollinischen, des Lichtvollen, wodurch sie sich von den Symbolisten abgrenzten, die das Dionysische, das Ekstatisch-Dunkle, verfochten. Ziel der Zeitschrift 'Apollon' war die Neuausrichtung der Kunst hin zu einer wahren Schönheit und einer Orientierung auf das Zukünftige.

Zwischen den Welten

Innokentij Annenskij stand 'zwischen den Welten', wie ein Gedichttitel lautet. Sein Stern erlosch viel zu früh4 am Horizont des ausgehenden Symbolismus im Rußland der Jahrhundertwende und der aufkommenden Avantgarde, bevor er als Dichter wahrgenommen wurde, dessen Werk in die Zukunft der literarischen Moderne verweist. Erst nach Annenskijs Tod wurde sich die Nachwelt seiner Bedeutung bewußt. Zeitgenossen wie Nikolaj Gumiljow, Maximilian Woloschin oder Ossip Mandelstam würdigten ihn als einen großen europäischen Dichter, der, 'wenn die Europäer ihn endlich erkennen', erschrecken werden über die 'Frechheit dieses königlichen Räubers, der ihnen das Täubchen Eurydike in den russischen Schnee entführt hat'.5 Alexander Blok gestand sich nach Annenskijs Tod 1910 ein: 'Gerade las ich das 'Zypressenkästchen' ein zweites Mal. Durch die gesamte Müdigkeit dieses Frühlings dringt es tief in mein Herz ein. Eine erstaunliche Nähe stellt sich her, die mir nun vieles in mir selbst erklärt'6.

Der Symbolismus, der das Mystische, Bedeutungsschwere und Fiebrige zu einem philosophisch-ästhetischen Konzept erhoben hatte, begann um die Jahrhundertwende zunehmend an Kraft zu verlieren: 'Es gab eine Zeit, wo die symbolistische Lyrik am Ende war und wo es noch nicht klar war, welche der bitteren Rivalen ... die Herzen erobern würden.'7 Die neuen Bewegungen, denen es um das neue Wort ging, verkehrten die alten Ideen in Experimentierfreudigkeit und Provokation einerseits - wie Wladimir Majakowskij und Welimir Chlebnikow im Futurismus, die der damaligen 'Wortkunst das Leitmotiv gaben'8. Andererseits betonten Nikolaj Gumiljow und Anna Achmatowa die Klarheit und Dinglichkeit im Akmeismus. Die neue Generation um diese beiden Dichter gründete ihr Programm auf Annenskijs Poetik der alltäglichen Dinglichkeit, nämlich auf 'präzisen lyrischen Momentaufnahmen unscheinbarster Gegenstände und Gesten' und auf das 'kreative Potential von Erinnerung und sinnlicher Wahrnehmung.'9 Gumiljow und Achmatowa bezeichneten Annenskij als ihren geistigen Lehrer, wobei Gumiljow selbst noch als Schüler die persönliche Bekanntschaft Annenskijs am Gymnasium in Zarskoje Selo gemacht hatte. Achmatowa war erstmals 1910 auf dessen Gedichte gestoßen, die sie tief beeindruckten: 'Als ich die Korrekturfahnen des 'Zypressenkästchens' in den Händen hielt, war ich fasziniert und las sie, alles auf der Welt vergessend, sogleich durch.'10 Dank dieser Erfahrung und in Abgrenzung zum vorherrschenden Symbolismus gründete sie 1911 gemeinsam mit Gumiljow, Gorodezkij und Mandelstam eine neue literarische Gruppierung, die als Akmeismus in die Geschichte der modernen russischen Dichtung einging. Anna Achmatowa kam im Laufe ihres Schaffens immer wieder auf Annenskij zurück. Sie widmete ihm mehrere Texte, so etwa 'Im Geiste Annenskijs' (1910), 'Der Lehrmeister' (1945) oder auch 'Ode von Zarskoje Selo' (1961).

Am Taupunkt der Schwermut oder Kek-uok

Einen entscheidenden Einfluß auf die russische Dichtung übte Annenskijs poetisches Hauptwerk 'Kiparisowyj larez' aus, das übersetzt 'Das Zypressenkästchen' oder auch 'Die Zypressenschatulle' heißt. Da Annenskij während der Zusammenstellung des Buches bereits an einem schweren Herzleiden erkrankt war, überantwortete er die darin enthaltenen Gedichte seinem Sohn Walentin Kriwitsch. Dieser sorgte nach dem Tod des Vaters dafür, daß der Band 1910 erschien, auch wenn nachträglich Zweifel an der Anordnung der Texte aufkamen, vor allem der wegweisenden 'Dreiblätter'.

Das Wort 'Dreiblatt' oder auch 'Kleeblatt' (trilistnik) enthält eine Reihe von Anspielungen: auf das Trifolium mit seinen dreiteiligen Blättern, im übertragenen Sinn auch auf die christliche Tradition der Dreifaltigkeit sowie auf das religiöse Triptychon in der Kunst. Jedes der 'Dreiblätter' - etwa 'Dreiblatt des Eises', 'Dreiblatt des Papiers' oder 'Dreiblatt des Verhallens' - vereint thematisch drei Gedichte, die sich jedoch in keinen unmittelbaren Zusammenhang stellen lassen. Annenskij greift damit der Montagetechnik der Avantgarde11 voraus, die vor allem im Futurismus Anwendung fand. Das Zerschneiden, willkürliche Verknüpfen und lose Zusammenfügen unterschiedlicher Dinge findet sich nicht nur in der Struktur der 'Dreiblätter' wieder. Jurij Lot-man weist daraufhin, daß Annenskijs poetische Texte 'auf eine entblößte Weise demonstrativ auf literarischen Assoziationen'12 gründen. Dies hat zur Folge, daß sie sich gegen eine flüchtige Lesart und Bedeutungserschließung sperren, aber auch eine gewisse dekadente Exzentrik und einen künstlerischen Eigensinn vermitteln.

Den Hang zur Melancholie, zum Exotischen und Mysteriösen teilte Annenskij mit anderen Künstlern seiner Zeit. Damals wurde von einem Lebensgefühl des 'Unbehagens und der Vorahnung' und von einer 'schillernden Zeit'13 gesprochen, die zum Epochenbegriff des Silbernen Zeitalters führten. Alle Lebens-, Kunst- und Kulturbereiche Rußlands vom Ende der 1890er Jahre bis in die späten 1910er Jahre wurden davon erfaßt. Annenskij war es wie keinem anderen Autor gelungen, die eigene Zerrissenheit, Entfremdung und Disharmonie gleichsam durch ein Prisma zu brechen und zum poetischen Konzept der Schwermut zu entwickeln, das auf einer Antiästhetik des Bizarren, Absurden, selbst des Morbiden beruhte. Mit dem Seziermesser der Präzision und Klarheit legte er die Schwermut schonungslos frei, bettete sie in eine alltägliche, banal-dingliche Situation ein, um diese dennoch dekadent zu präsentieren14. Der rauchige Dunst und die unergründliche Dämmerung erweisen sich als Illusion, das mysteriös Schöne als Simulation:

Schönheit allein kann mich nicht verführen,
ich liebe ihr Trugbild, zerfallend im Nebel...

Das Schöne bleibt das Unerreichbare. Es ist eine immerwährende Fiktion, die 'allein mit Gedanken, Worten' zu verstehen ist. Das geheimnisvolle Abendlicht in der Allee ist in Wirklichkeit der Widerschein glänzender Blätter im elektrischen Licht der Laternen:

[...] Diebin der Nacht - elektrisches Licht,
Ahorngezweig, glanzüberflutet.

Die Nacht, strauchelnd im grünen Rauch,
fürchtet die gleißende Entblößung,
herbstliche Tropfen vibrieren auf
dem Blattwerk wie goldenes Dekor.

Das Trügerische kehrt wieder im kurzzeitig Illuminierten, Flirrenden und Verglühenden. Daraus erwächst eine Art von 'Lichtsystem':

Und der Trauerzug der Pferde
zieht stumm die leuchtende Last,
das Funkeln im Schweif der Herde
flackert, blendet und verblaßt.

Die Dinge scheinen zu entgleiten, sie zertauen oder werden überschwemmt:

Ich liebe den Winter am Morgen,
das wässrige Halbdunkel aus Violett,
die versengten Flecken des Sommers
im rosa Glanz des frostigen Lichts.

Ich liebe die verblassende Weite,
das tauende Licht, das sie überschwemmt
[...]

Im Lichtsystem nehmen die Dinge mal leuchtend, mal opak, durch die Farben Gestalt an. Annenskij bevorzugte Rot- und Schwarztöne, aber auch Gelbtöne wie Gold - besonders jedoch die Farbe Blau, die im Silbernen Zeitalter als Ausdruck einer spirituellen Welt galt. Sie inspirierte unzählige Maler wie die Künstlergruppe Blaue Rose, aber auch Philosophen und Dichter wie Andrej Bely und Alexander Blok, zu einer metaphorischen Verwendung aller Spielarten des Blau. Die Auseinandersetzungen jener Zeit um das Thema Farbe und neue Sinneserfahrungen führten zum Beispiel Wassily Kandinsky oder auch das Künstlerpaar Michail Matjuschin und Jelena Guro dazu, 'das Zusammenspiel von Raum und Form zu erforschen'15 und schließlich neue Farbtheorien zu entwickeln.

Annenskij steigert die Abstufungen des Blau in ein angsteinflößendes Violett, in das mystisch Fliederfarbene, in ein irreales Purpur bis hin zum Motiv des bedrohlichen Amethysten:

Wenn der purpurne Tag, blind vor Wut,
das Blau zu verbrennen beginnt,
sehne ich mich nach der Dämmerung,
kühl wie der Amethyst.

Die 'symbolisch-mythologische Malerei'16 Annenskijs beschränkt sich nicht allein auf das Spiel von Farbe und Licht. Vielmehr verbindet sie das Thema Farbe mit anderen Motiven: So dehnen sich in den Farblandschaften die seelischen Räume der Erschöpfung, der Traurigkeit und des Überdrusses aus:

Fahl schwelende, purpurne Flamme,
welch ödes, verblichenes Gelb,
netzverhängte Zweige der Tannen,
jeder Tag scheint morgens verwelkt...

Maximilian Woloschin, der Annenskij Anfang März 1909 noch persönlich kennenlernte, hob hervor, daß kein anderer Dichter es bisher vermocht habe, 'seelische Zustände wie die der Schwermut, der Langsamkeit des Lebens, der Schlaflosigkeit, der körperlichen Schmerzen, der Herzanfälle, der Müdigkeit und des Dahinschwindens der Kräfte' intensiver zu beschreiben als Annenskij17:

Abendgeläut, so nimm mich mit!
Das Herz ist kraftlos, wie gedämpft.
Staub, der vom Tag noch flirrt,
reizt mit der Möglichkeit der Welt.

Immer wieder wird das Gefilterte, Verwischte, Neblige heraufbeschworen, das Ausdruck einer übermäßigen Mattigkeit zu sein scheint, die jedoch, Annenskijs Grundsatz des Trügerischen folgend, sogleich ironisch hinterfragt wird:

Bald ist Mitternacht. Ein Niemand und frei,
erschöpft vom Trugbild des Lebens
verfolg ich die Flocken, ihre Leichtigkeit,
wie sie dem Ort der Illusion entschweben.

Jenes Moment des Eintauchens in einen anderen Raum 'wo die Ränder verschmelzen' ist der ersehnte Zustand des losgelösten Träumens, denn 'im Grübeln und im Traum nur / ist das Herz weniger befangen.' Ein Zustand, der schwer herbeizuführen ist und oftmals mit quälendem Dahindämmern und Schlaflosigkeit einhergeht.

Die Eindringlichkeit, mit der Annenskij diese Zustände beschreibt, beeindruckte noch nachfolgende Generationen russischer Dichter bis in die Gegenwart, so zum Beispiel Gennadij Ajgi: 'Annenskij ist auch der größte märtyrer der Schlaflosigkeit in der gesamten weltpoesie. [...] Annenskijs schlaf-gedichte sind gleichermäßen quälend - es handelt sich dabei nicht um eine Versenkung in den schlaf, vielmehr um den übertritt aus der Sphäre des schlafs in den schmerz, in die kalten dämmerungen eines leidenden und peinigenden Selbstbewußtseins.'18

Der zeitgenössische Lyriker Nikolaj Kononow, der sich inhaltlich wie in der formalen Gestaltung seiner radikal verknappten Verszeilen auf Annenskij beruft, entwickelte eine eigene Form der 'Nerven-Nadel-Poesie'19, die sich nicht scheut, eine hochgradige Anspannung auszuleben.20

Das Zurschaustellen des Innersten führte Annenskij in seinem Spätwerk zur Entwicklung einer Psychologisierung und zur Entdeckung neuer Ausdrucksformen. Im Gedicht 'Redefetzen' etwa werden innere Gedankenströme ungefiltert wiedergegeben. Zeitgleich begann er mit der Sprache zu experimentieren und wandte sich der reinen Form zu. Damit nahm Annenskij eine Zwischenposition zwischen Symbolismus und Avantgarde ein.

Was in der Lyrik um die Jahrhundertwende für gewöhnlich als notwendiges Dekor herhalten mußte, um eine aufgeladene Grundstimmung zu erzeugen, verkehrte Annenskij ins Gegenteil: Das Dekor wird, wie im berühmten 'Glöckchen klingen', wo die Laute und Geräusche zum Material des Gedichts werden, selbst zum Akteur. Heute wird dieser Text als einer der ersten lautpoetischen Texte der modernen russischen Poesie betrachtet. Er entstand in Annenskijs Todesjahr 1909, kurz bevor der futuristische Laut-Dichter Alexej Krutschonych 1913 'das erste, bis heute unvergessene und berühmte Zaum-Gedicht 'dyr bul schtschyl' schuf und damit als Vater der transrationalen Sprache'21 in die Geschichte der Avantgarde einging.22 Zu erwähnen ist das im gleichen Jahr von Jelena Guro verfaßte 'Finnland'23, das mit seinen onomatopoetischen 'Finnish Lullabies'24 wie:

Lulla, lolla, lalla-lu,
Lisa, lolla, lulla-oder.
Die Nadeln rausen, rausen,
ti-i-i, ti-i-u-u
[...]

in bemerkenswerter Weise an das geschwätzig lallende Geklingel in Annenskijs 'Glöckchen klingen' erinnert:

Ding-Dang-Dong,
Ding-Dang ...
Dido Lado, Dido Lado,
Lida fürs Ding-Dang-Dong herrichten,
Dido für Lida herrichten,
[...]
Passen - li, passen - la,
passen, passen, sagen ja,
[...]
Glocken rasseln, rasseln,
Glöckchen lachen,lachen,
Kleidchen uns vermachen,
kleine Klapper - li,
und Geplapper - la ...
Klingelang, Klingelong ...

Einen ähnlichen Kultstatus erlangte Annenskijs 'Kek-uok auf der Zither'. Der Modetanz 'Cakewalk' (gesprochen: kek-uok) hatte von den USA aus um die Jahrhundertwende die Welt erobert. Annenskij verwandte die vielfältigen stilistischen Möglichkeiten der Lautpoesie, um den wilden Tanz der Hämmerchen zu imitieren. Ohne diese Klanggedichte wären Nachfolger wie der Zaum-Dichter Welimir Chlebnikow, die Trio-Texte Jelena Guros25 oder die Ausrufungs-Poesie Wladimir Majakowskijs undenkbar gewesen. Nicht zu vergessen das futuristisch beeinflußte Frühwerk Boris Pasternaks26, Nikolaj Sabolozkijs oder das Schaffen Marina Zwetajewas. Nach dem Ende der Stalinschen Eiszeit knüpften Genrich Sapgir, Igor Cholin und Gennadij Ajgi sowie heute die Nerven-Nadel-Poesie Nikolaj Kononows oder die sprachkünstlerischen Experimente Valeri Scherstjanois daran an. Sie alle zelebrierten und zelebrieren im Sinne Annenskijs eine neue Wortkunst:

Klöppel tupfen, schiefe Klänge,
tappeln auf der Stelle, klemmen,
Schlag auf Schlag,
Leben, ach ... frisch gewagt,
das war unser Fest.

Berlin 2010

Zum Nachwort:

1. Dabei handelt es sich um ein Kryptogramm des Vornamens Innokentij. AuЯerdem ist es eine Anspielung auf den sich in der Odyssee Homers selbst verleugnenden Odysseus (Nikto: Russisch für 'niemand') in der Polyphem-Erzählung.
2. Valerij Brjusov: Sredi stichov. 1894-1924. Manifesty, stat'i, recenzii. Sovetskij pisatel'. Moskau 1990, S. 110.
3. Aleksandr Blok: Sobranie sočinenij v vos'mi tomach, t. 5. Moskau/Leningrad 1963, S. 620 ff.
4. In Erinnerung an den bedeutenden Dichter erhielt ein von der Astronomin Ljudmila Žuravleva neuentdeckter Asteroid im Observatorium auf der Krim am 23.12.1979 den Namen '3724 Annenskij'.
5. Ossip Mandelstam: Über die Natur des Wortes. In: Über den Gesprächspartner. Gesammelte Essays 11913-1924. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Zürich 1991, S. 123.
6. Aleksandr Blok: Sobranie sočinenij v vos'mi tomach, t. 8. Moskau/Leningrad 1963, S. 309.
7. Roman Jakobson: Von einer Generation, die ihre Dichter vergeudet hat. In: Roman Jakobson: Poetik. Frankfurt a. M. 1979, S. 160.
8. ebd.
9. Felix Philipp Ingold: Der große Bruch. Rußland im Epochenjahr 1913. München 2000, S. 197.
10. Anna Achmatova: Korotko o sebe. In: Anna Achmatova: Sočinenija, t. 2, Moskau 1987, S. 237.
11. s. dazu auch: Isabelle Guntermann: Mysterium Melancholie. Studien zum Werk Innokentij Annenskijs. Köln, Weimar, Wien 2001, S. 332 ff.
12. Jurij Lotman: Die Analyse des poetischen Textes. Hg., eingeleitet und übersetzt von Rainer Grübel. Kronberg 1975, S. 162.
13. John E. Bowlt: Moskau und Sankt Petersburg. Kunst, Leben und Kultur in Rußland 1900-1920. Wien 2008, S. 9.
14. Ulrich Schmid weist im Nachwort (basierend auf Lidija Ginzburg: O lirike, Leningrad 1974, und auch auf Anna Ljunggren: At the Crossroads of Russian Modernism. Studies in Innokentij Annenskij"s Poetics, Stockholm, 1997) darauf hin, daß Annenskijs Lyrik 'als paradoxe Verschränkung von dinglichem Realismus und dekadenter Präsentation' zu beschreiben sei. In: Innokentij Annenskij: Die schwarze Silhouette. Übersetzt von Adrian Wanner. Zürich 1998, S. 169.
15. MargaretaTillberg: Cvetnajavselennaja:Michail Matjusin ob iskusstve i zrenii. Moskau 2008, S. 44.
16. Alexander Flaker: Literatur und Malerei. In: Glossariumder russischen Avantgarde. Hg. von Alexander Flaker, Graz-Wien 1989, S. 76.
17. Maksimilian Volosin: Liki tvorčestva. Leningrad 1988, S. 524.
18. Gennadij Ajgi: Schlaf-und-Poesie. (Unzusammenhängende Bemerkungen). In: Gennadij Ajgi: Aus den Feldern Rußlands. Frankfurt a. M. 1991, S. 22 ff.
19. 'Nerven-Nadel-Poesie' in Anlehnung an das programmatische Prosagedicht Annenskijs 'Gedanken-Nadeln', in dem es heißt: 'Unter Schmerzen und Qualen lösen sich die Nadeln von meinen Ästen. Diese Nadeln sind meine Gedanken.'
20. siehe dazu: Nikolaj Kononov: Polja. Stichotvorenija. Sankt Petersburg 2004.
21. Henrike Schmidt: Poetische Grundlagenforschung. In: Sergej Birjukov: Jaja, Dada oder die Abschaffung des Artikels. Leipzig 2004, S. 120.
22. Dabis heute nicht eindeutig geklärt ist, wem das erste Lautgedicht der russischen Poesie zu verdanken ist, siehe dazu die Ausführungen von Thomas Keith: Anton Lotov - Wer war der erste russische Lautdichter? In: Thomas Keith: Poetische Ausführungen der deutschen und russischen Avantgarde (1912-1922) - ein Vergleich. Berlin 2005. S. 115 ff.
23. Übersetzung in: Valeri Scherstjanoi: Tango mit Kühen, Wien 1998, S. 76.
24. Margareta Tillberg: Elena Guro: Painter, Poet and Pantheist. St. Petersburg - Karelien Isthmus 1877-1913, In: Landscapes of the Baltic Sea in Literature and Art, Visby 2002, http://mpiwg-berlin.mpg.de/en/staff/members/mtillberg.
25. 'Troje' (deutsch: Trio) Troe, Hg. von V. Chlebnikov, A. Kručenych, E. Guro mit Zeichnungen von Malevič, erschien posthum 1913 nach Guros Tod.
26. s. dazu die Ausführungen von Alexander Nitzberg in: Dampfbetriebene Liebesanstalt. Gedichte des russischen Futurismus. Herausgegeben von Alexander Nitzberg. Düsseldorf 1999, S. 165.

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Einbandbild: Nicholas Roerich 'Schlacht am Himmel' ÖlaufLeinwand, 1912

Der Verlag dankt dem Freundeskreis zur internationalen
Förderung literarischer und wissenschaftlicher
Übersetzungen e.V. für die freundliche Unterstützung der
Übersetzung mit einem Perewest-Stipendium

Erste Auflage 2010
Alle Rechte der deutschen Ausgabe
© 2010 Nimrod Förlag AB
Önneköp 8047 / 24298 Hörby / Schweden
© der Übersetzung und des Nachworts bei Martina Jakobson
Satz: Nimrod Förlag AB
Russisches Lektorat: Olga Gleiser
Einbandgestaltung: Johan Laserna, Torna Hällestad
Druck und Bindung: Preses Nams, Riga
Printed in Latvia
ISBN: 978-91-89034-28-0
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'Achmatowa schrieb in ihren spaten Erinnerungen: 'Als man mir die Druckfahnen der 'Zypressenschatulle' zeigte, war ich verblufft und las sie und verga? alles andere auf der Welt'. Nicht nur Achmatowa, alle Akmeisten hielten Annenskij fur 'ihren Lehrer'. Im Prinzip kann man sagen, das der Akmeismus, die postsymbolistische Bewegung in der russischen Lyrik, zu der au?er Gumiljow und Achmatova unter anderem auch Ossip Mandelstam zahlte, sich als solche eben dann konstituierte, als Annenskij aufmerksam gelesen wurde. Damit stellten sich junge Lyriker der Hauptstromung der Zeit, dem Symbolismus - den gro?en, beruhmten Dichtern wie Alexander Blok, Andrej Belyj oder Wjatscheslaw Iwanow - entgegen.'

Oleg Jurjew, Tagesspiegel

'Was ist nun das Besondere an diesem schmalen, keiner Richtung oder Schule verpflichteten ?uvre, das von den jungeren Symbolisten ebenso geschatzt wurde wie von den nachfolgenden Akmeisten (Anna Achmatowa, Nikolai Gumiljow) und das - viele Generationen spater - so unterschiedliche Bewunderer wie Joseph Brodsky und Gennadi Ajgi fand? Innokenti Annenski schreibt eine Stimmungslyrik, die sich weder in Gefuhlen noch im Abstrakt-Mystischen verliert : Der Entdeckung des bahnbrechenden Einzelgangers Innokenti Annenski steht : nichts mehr im Wege.'

Ilma Rakusa, NZZ

 

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